Anselm Kiefer

Ohne Kopf, ohne Arme: Und doch voller Kraft stehen sie da, die zwei Frauenfiguren, die seit dieser Woche auf dem Domberg Freising zu sehen sind. Geschaffen von Anselm Kiefer – nach James Turrell, Berlinde de Bruyckere und Kiki Smith zeigt das Diözesanmuseum Freising damit einen weiteren Höchstkaräter der zeitgenössischen Kunst. Dauerhaft.

 

„Ave Maria Turris Eburnea“ (2018) hat das Haus bereits angekauft, die „Sappho“ (2020-2024), Kiefers Interpretation der antiken griechischen Lyrikerin Sappho, und „Maria Mater Dolorosa“ (2019) sind Dauerleihgaben und sollen im Laufe der kommenden Jahre ebenfalls in den Besitz des Museums übergehen.

„Sappho“ und „Ave Maria Turris Eburnea“ wurden jetzt aus Südfrankreich hergeschafft, „Maria Mater Dolorosa“ folgt im Herbst. Spektakulär bereits die Ankunft, wie vom Himmel geschickt: Aus höchster Höhe ließ der Kran die beiden Frauen auf den Domberg hinab. Hier stehen sie nun, im Freien, eine jede für sich – und bringen auch etwas von der ungeheuren Energie auf Anselm Kiefers Ateliergelände in Barjac nach Freising. Jeder, der durch diese surreale, 40 Hektor große Welt voller monumentaler Kunstinstallationen bereits gewandelt ist, wird sich dem Sog auch der dutzenden Frauenfiguren dort nicht entzogen haben können. Sämtlich sind sie auf ein von Korsett und Reifrock ausgesteiftes, weiß fließendes Kleid reduziert, doch auf ihren Schultern lasten unterschiedliche Attribute.

 

Da ist die „Sappho“, für den Universalgelehrten Anselm Kiefer (Jahrgang 1945) steht sie sinnbildlich als Sprachrohr für die oft überhörten weiblichen Stimmen der Vergangenheit. Einen seiner berühmten Bücherstapel aus Blei hat Kiefer ihr aufgesetzt. Das Material im wahrsten Sinne bleischwer, doch die einzelnen Blätter visuell von einer Zartheit – hier zeigt sich die Dualität, die der Künstler in allen Figuren aufscheinen lässt. Zwischen Stärke und Verletzlichkeit, ungeheurer Kraft und ständiger Bedrohung.

„Ave Maria Turris Eburnea“, die zweite Frau, die ab jetzt auf dem Domberg zu sehen ist, verbindet das katholische Ave Maria mit der Anrufung Mariens in der Lauretanischen Litanei als „Turris Eburnea“ (lat. Turm aus Elfenbein) und steht mehr als Symbol für die Reinheit, Schönheit und Unversehrtheit Mariens denn für Maria selbst. Ein Idealzustand: fragil, unerreichbar – letztlich ein utopischer Idealentwurf.

 

Schließlich folgt mit der „Maria Mater Dolorosa“ im September eine weitere Interpretation der Mutter Gottes: Maria als „Mater Dolorosa“ (Schmerzensmutter) ist eine in zahlreichen Werken Kiefers anklingende Konzentration auf Maria als menschlich leidende Mutter. Zentrales Gestaltungsmerkmal der tief in der katholischen Tradition verwurzelten Schmerzensmutter ist das im Leid bewegte Gesicht – ausgerechnet dies fehlt Kiefers Mater Dolorosa, der Kopf ist durch ein dürres Reisigbündel ersetzt. Schon sind da Assoziationen zu Frauen, die Reisig sammeln. Zu Ausbeutung, schwerer Last, auch: Gewalt. Damit steht diese Maria Mater Dolorosa für alle Mütter, ja, die gesamte Menschheit unseres Gestern, Heute und Morgen, niedergedrückt von den Traumata der Geschichte und den zerstörerischen Akten der Gegenwart.

Es sind drei Figuren, die exemplarisch stehen für Anselm Kiefers Werk, der als einer der prägendsten Künstler seiner Generation immer wieder dazu anregt, sich mit den existentiellen Fragen des Lebens, mit Geschichte, Religion und Spiritualität zu befassen. Mit ihrer sperrigen Schönheit fügen sie sich wie lebensgroße Sinnfragen-Zeichen ein auf dem Gelände des Diözesanmuseums, das in seinen Ausstellungen immer wieder die Begegnung mit den Herausforderungen des Menschseins in den Fokus rückt.

 

Oder wie es der Künstler selbst einmal formuliert hat: „Der Mythos ist die Möglichkeit, Geschichte zu begreifen auf eine andere als nur eine rationale Art.“

 
 

Standorte

  • Sappho: auf der Wiese gegenüber des Kanzlerbogens, gleich neben der Benedikt-Linde
  • Ave Maria Turris Eburnea: am Ende des Südwegs, wenn man aus der Dombergbahn tritt auf der linken Seite