Sonderausstellung

2. Oktober 2022 -

29. Januar

2023

Tanz auf dem Vulkan

Der Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 nach Christus mit der Zerstörung der blühenden Städte Pompeji und Herculaneum war eines der großen Traumata der abendländischen Geschichte. Dieses Ereignis erschütterte das Selbstverständnis der römischen Zivilisation und offenbarte deren Verletzlichkeit angesichts einer nicht zu bändigenden Naturgewalt. Schon damals versuchten die Menschen, das Ereignis mythologisch oder auch naturwissenschaftlich zu erklären und zu deuten. 

So wurden Erderschütterungen etwa als Kampf der Giganten oder als göttliche Strafe interpretiert. Opfer und Gebet sollten die aufgebrachten Götter versöhnen. Auch bei der nachfolgenden christlichen Bevölkerung führte die Bedrohung durch die entfesselten Naturkräfte zu religiösen Deutungsversuchen und Abwehrpraktiken. Mit den großen Ausbrüchen des 17. und 18. Jahrhunderts entwickelte sich eine erstaunliche und unvergleichliche Frömmigkeitskultur, deren einzigartige Bedeutung sich bis heute in einem der reichsten Kirchenschätze der Welt, dem Schatz des San Gennaro in Neapel manifestiert. Dieser zeichnet sich nicht nur durch den materiellen Wert, sondern auch durch seine kunsthistorische Bedeutung aus.

Die Aufklärung und das damit erwachende Interesse an den Naturwissenschaften führten dann im 18. Jahrhundert in der Vesuv-Region zu bahnbrechenden vulkanologischen Forschungen und mit der Errichtung des „Vesuv-Observatoriums“ 1845 zur weltweit ersten vulkanologischen Forschungsstation. Sie arbeitet bis heute als Teil der Katastrophenprävention. Für viele Neapolitaner steht die Wahrnehmung und Bewältigung der latent andauernden existentiellen Bedrohung durch den Vesuv und die terrestrischen Energien im Spannungsfeld von Religion und Wissenschaft. Neapel und der Vesuv stehen deshalb paradigmatisch für die Suche nach Erklärung, Sinn und Hoffnung angesichts unvorhersehbarer und unkontrollierbarer Bedrohungen durch die Natur.

 
 
Ausstellungskatalog

Tanz auf dem Vulkan

Der Golf von Neapel gilt als eine der schönsten Landschaften Europas. Diese Schönheit ist nicht nur der malerischen Bucht, sondern auch dem Vesuv geschuldet. Der Vulkan ist Segen und Fluch zugleich. Er bringt Tod und Zerstörung, aber auch Fruchtbarkeit und Wohlstand. Um diese Ambivalenz und permanente Bedrohung zu erklären und vielleicht sogar zu bändigen, bediente man sich durch die Geschichte immer wieder unterschiedlicher Deutungsmuster, gespeist aus Mythos, Philosophie, Religion oder Naturwissenschaft. Die spannungsreiche Beziehung zwischen dem Vulkan und seiner Stadt Neapel ist Thema der Essays dieses Bandes. Sie zeigen, wie es den Menschen gelingt, angesichts einer unkontrollierbaren Bedrohung Erklärung, Sinn und Hoffnung zu finden – ein immer aktuelles Thema!

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